Letzte S-Bahn nach Stahnsdorf: Eisenbahner mit Eiserner Hochzeit

Alles fing im "Stahnsdorfer Hof" an, der heutigen Gaststätte mit dem einst legendären Tanzsaal: Dort lernten sich Ruth und Kurt Peil kennen und lieben. Zum Zeitpunkt der Hochzeit, die der dritte Nachkriegs-Bürgermeister Friedrich Bender am 27. September 1952 persönlich im Verwaltungsgebäude an der Schulzenstraße vornahm, war der frischgebackene Ehemann 24 Jahre und seine Frischangetraute 22 Jahre alt. Zünftig gefeiert wurde seinerzeit in der Parkallee.

Die Ur-Stahnsdorfer, die anfangs im Margueritenweg wohnten und mittlerweile seit vielen Jahrzehnten in der Bosch-Siedlung, führen seit 65 Jahren eine treue Ehe – das schaffen nur Wenige. Dementsprechend wichtig war es Bürgermeister Bernd Albers, dem Paar persönlich zu gratulieren. Aus Termingründen schaute er bereits am Vortag des Hochzeitsjubiläums mit einem Präsentkorb vorbei und erfuhr dabei, dass auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke und Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier vorab Glückwunschkarten übersandt hatten.

Die Rückkehr der Peils von einer Familienfeier sollte die bis dato letzte S-Bahn-Fahrt nach Stahnsdorf sein

Interessant ist neben dem respektablen Hochzeitstag auch die persönliche Geschichte von Ruth und Kurt Peil: Das Paar kam am späten Abend des 12. August 1961, dem Vortag des Mauerbaus, mit der S-Bahn von einer Familienfeier in Berlin-Friedrichshain. Was die Beiden nicht wussten: Es sollte sowohl privat als auch dienstlich die bis dato letzte Bahnfahrt nach Stahnsdorf bleiben, denn als der Ehemann am 13. August 1961 seine Frühschicht als Triebfahrzeugführer antreten wollte, wurde ihm von den vielen Polizeikräften am S-Bahnhof klar gemacht, dass die Strecke ab sofort nicht mehr befahren werden dürfte.

Zweifelsohne war dies sowohl für Ruth und Kurt Peil als auch den regionalen Bahnverkehr ein prägendes Erlebnis, schließlich war der Ehegatte nach vier Jahren in der Landwirtschaft ab 1950 als Bahnangestellter im Depot Berlin-Wannsee "stationiert". Anfangs putzte er an seiner ersten Dienststelle die Wagen, absolvierte dann die Ausbildung zum Schaffner und begann nur zwei Tage nach seiner Hochzeit damit, sich zum Triebfahrzeugführer ausbilden zu lassen.

Nach dem Abschluss bediente Kurt Peil zumeist die Strecke von Stahnsdorf nach Oranienburg, fuhr aber auch auf der Trasse von Spandau in die östlichen Berliner Bezirke. Wenn er seine Frau gelegentlich auf seinen Touren mitnahm, bot sich auch ihr der einzigartige Blick aus der Führerkabine. "Das war schon eine schöne Strecke", befinden die Eheleute unisono über die Friedhofsbahntrasse von Stahnsdorf nach Wannsee und weiter gen Norden.

Statt nach Wannsee pendelte Kurt Peil ab 1962 zur Arbeit nach Grünau ─ vier Stunden Wegstrecke täglich

Noch bis März 1962 war es Kurt Peil vergönnt, über Potsdam und den Grenzkontrollpunkt Griebnitzsee Züge bis nach Wannsee gen Osten zu führen, dann jedoch wurde er in die neue Dienststelle nach Berlin-Grünau versetzt und sein Arbeitsweg, den er fortan oft um 4 Uhr morgens mit dem Bus und Zug via Genshagener Heide bestritt, stieg auf bis zu vier Stunden täglich an.

Ehefrau Ruth hatte es Zeit ihres Werktätigenlebens nie so weit zum Arbeitsplatz wie ihr Mann. Sie verdiente ihre Brötchen als Verkäuferin im Einzelhandel. Bis Mitte der 1990er gab es im Ahornweg, dem heutigen Ahornsteg, einen Lebensmittelladen. Über mehrere Jahrzehnte gehörte als Filiale zur Staatlichen Handelsorganisation HO, später zur Konsum-Kette und nach der Wende war er privat betrieben. Dort sowie in Kleinmachnow war Frau Peil beschäftigt.

Derzeit genießen die Beiden ihren Lebensabend in der gemütlichen Familienwohnung und fühlen sich in Stahnsdorf generell pudelwohl. Dem Anlass entsprechend mit der Familie gefeiert wird nun am Wochenende – großer Bahnhof für die Eisernen sozusagen. "Unsere Verwandten können ja schließlich nicht extra Urlaub für uns nehmen", sagt Ruth Peil bescheiden. Wir sagen: Herzlichen Glückwunsch!

(27.09.2017)