"Im Hort wird Vieles sichtbar"


Zeit, um Gedanken und Erlebnisse aus vier Jahrzehnten Berufsleben Revue passieren zu lassen, nahm sich am Dienstag Erzieherin Ingrid Drechsel, die ihren Dienst derzeit als Leiterin im Zille-Hort verrichtet. Bürgermeister Bernd Albers gratulierte zum runden Dienstjubiläum mit einem Blumenstrauß und wohlwollenden Wünschen.

Drechsel wollte Anfang der 1970er Jahre Oberstufenlehrerin für Sport und Deutsch werden, doch ein komplizierter Beinbruch nach einem Skiunfall verhinderte dies. Stattdessen bekam sie das Angebot, in Potsdam eine kombinierte Ausbildung als Unterstufenlehrerin und Horterzieherin zu absolvieren. Nach der Ausbildung folgte die Übernahme durch das Land, zu DDR-Zeiten war das etwas einfacher als heutzutage. "Teilweise haben wir von 6 bis 16 Uhr durchgearbeitet, wenn jemand krank war. Danach wusste man, was man tagsüber getan hat", sagt Leiterin Drechsel rückblickend.

1974 fing sie als Erzieherin in der Dorfschule an, der heutigen Lindenhof-Grundschule. Ab 1985 arbeitete sie dort als Hortleiterin unter teils schwierigen Arbeitsbedingungen. Vor allem die Raumnot war dramatisch. "Wir fingen mit 200 Kindern an, haben in den Klassenräumen auch geschlafen", sagt die Jubilarin. Für die Kinder, die sie betreut hat, war der Standort Stahnsdorf dennoch auch zu DDR-Zeiten ideal. Das Hineinschnuppern in verschiedene Berufe war in der hoch technisierten Region damals gang und gäbe: Über das Modell einer Patenbrigade wurden Industrie- und Laborarbeiter ebenso besucht wie etwa Waldwirtschaftler und Förster. "Unterricht in der Produktion" nannte sich diese Institution zu DDR-Zeiten.

"Dann kam die Wende, und wir fielen in ein großes Loch", erinnert sich Drechsel. Das Land stülpte die Hortmitarbeiter den Kommunen auf, was sich in Stahnsdorf arbeitsrechtlich schwierig gestaltete. Dennoch erkannte die Nachwendegesellschaft im Lauf der Jahre den Wert der Hortarbeit an. "Hier sieht man Vieles, was in der Schule nur in Pausen auffällt, manchmal auch gar nicht", sagt Drechsel.

Der Austausch zwischen Schule und Hort könnte besser sein, aber das Land finanziere eben keine sogenannten "Kontaktstunden" mehr so nannte man den staatlich geregelten Informationsaustausch zwischen den Berufsgruppen Lehrer und Erzieher. Mit der dynamischen Entwicklung von Stahnsdorf in den letzten zwei Jahrzehnten wurden auch die Aufgaben an die Hortleiterin umfangreicher. So leitet Frau Drechsel inzwischen 20 Erzieher an. Im Zille-Hort werden inzwischen rund 340 Kinder betreut.

Gut und wichtig seien nach ihrer Meinung die beiden Sozialarbeiter, die seit März 2014 auf dem Gelände tätig sind. "Eine tolle Zusammenarbeit ist das, als wenn man sich schon ewig kennen würde", schwärmt die Erzieherin. Die neuen Mitarbeiter würden beispielsweise ängstliche Kollegen unterstützen, aber auch bei Schwierigkeiten helfend eingreifen und nicht zuletzt auch die Kompetenzen der Kinder stärken, überschüssige Energie in die richtigen Bahnen leiten und schüchterne Kinder behutsam animieren. Der "Handy-Führerschein" sei hierfür ein gutes Beispiel: Dabei werde sinnvolles Telefon- und Internetverhalten geübt, über Recherchetechniken gesprochen, aber auch über weniger schöne Begleiterscheinungen moderner Technik, wie etwa Cybermobbing.

Auf das neue Hortgebäude, das die Gemeinde in wenigen Wochen einweihen wird, blickt Ingrid Drechsel schon jetzt mit viel Stolz. Vor allem die geräumige Küche hat es ihr angetan. Das gesamte Gelände sei toll, die Angebote durch eine vielfältige ausgebildete Belegschaft aber bereits jetzt sehr groß: Von der Nähwerkstatt über Kochen und Backen bis zu Specksteinschnitzen und der Holzwerkstatt sowie dem sportlich außergewöhnlichen Angebot (Kletterwand) ist Vieles dabei.

Vor allem eines gibt Hortleiterin Drechsel den heutigen Auszubildenden und der Landespolitik mit auf den Weg: Nämlich, dass die Praxisarbeit alle Theorie nicht ersetzen kann. Elternarbeit ist mitunter anspruchsvoll, pädagogisches Wissen sollte mehr in den Vordergrund rücken, also dorthin, wo derzeit noch theoretisches Rechtswissen viel Zeit der dreijährigen Ausbildung einnimmt.

Erzieherin Ingrid Drechsel nimmt die Glückwünsche von Bürgermeister Bernd Albers entgegen.